Gewalt gegen Klinikpersonal nimmt zu

Immer häufiger werden Helfer zum Opfer: Sie werden beleidigt, beschimpft und zuweilen sogar bedroht. Die Angriffe auf Rettungskräfte und medizinisches Personal nehmen bundesweit zu. Auch am Klinikum in Bad Hersfeld. „Die Zündschnur ist deutlich kürzer geworden“, sagt Anja Stiebing, Leiterin der Zentralen Information im Klinikum Bad Hersfeld. Sie und ihre Kollegen sind oft der erste Kontakt für Patienten im Krankenhaus. „Ich bin manchmal froh, dass ich am Empfang durch den Tresen und eine Glasscheibe etwas geschützt bin“, sagt Stiebing, die seit 1979 im Klinikum arbeitet und mit Sorge den Trend zu mehr verbaler und manchmal auch körperlicher Gewalt registriert.

Das bestätigt auch Nicole Jonik, gestandene Krankenpflegerin und Stationsleiterin der Notaufnahme, für die Auseinandersetzungen mit alkoholisierten oder unter Drogeneinfluss stehenden Patienten schon fast zum Alltag gehören. Doch auch Sprachbarrieren und unterschiedliche Kulturen prallen in der Notaufnahme aufeinander. Zuweilen gibt es auch Schwierigkeiten mit psychisch kranken Patienten. „Verbale Beschimpfungen sind am häufigsten, aber bei uns hat auch schon mal einer mit der Schusswaffe herumgefuchtelt“, erzählt Nicole Jonik. Um angemessen reagieren zu können, besuchen die Mitarbeitenden Deeskalationskurse, aber es gibt im Klinikum seit einiger Zeit auch Security-Mitarbeiter, die notfalls schnell eingreifen. Und wenn alles nichts hilft, dann kommt auch mal die Polizei.

„Ich versuche immer, zunächst Verständnis für die Lage des Patienten zu zeigen, denn viele von ihnen befinden sich in einer Extremsituation“, sagt der Chefarzt der Notaufnahme Dr. Johannes Roth. Doch auch sein Verständnis endet dort, wo seine Mitarbeitenden bedroht werden. „Wir lassen uns nicht erpressen und gefährden uns nicht selbst“, stellt Dr. Roth klar. Zugleich räumt er ein, dass die Wartezeiten und Arbeitsweisen einer Notaufnahme für Patienten oft schwer zu verstehen sind: „Für uns sind die Abläufe glasklar.“ Dazu gehöre es auch, zu bewerten, wie schnell Patienten behandelt werden müssen. „Wir sind sogar gesetzlich verpflichtet, eine Triage vorzunehmen“, erklärt der Notfallmediziner und meint damit ein medizinisches Sichtungsverfahren zur Priorisierung von Patienten nach Behandlungsdringlichkeit bei begrenzten Ressourcen. Das führe zum Teil zu längeren Wartezeiten. „Wir verweigern niemandem die Behandlung, aber wir sind auch keine Hausarztpraxis“, stellt Dr. Roth klar. Denn die Zahl der Patienten, die ohne akuten Grund in die Notaufnahme kommen, statt zum Hausarzt zu gehen, steige an.

Zudem treffen gerade im Krankenhaus Patienten aus unterschiedlichen Schichten, Kulturkreisen und Sprachräumen auf ebensolche Ärzte. Sprachbarrieren gebe es sehr wohl, und sie erschwerten durchaus zuweilen die Kommunikation, aber mit etwas mehr Geduld und Verständnis auf beiden Seiten sei auch dieses Problem zu lösen. Auch die überbordende Bürokratie, Dokumentationspflichten sowie Zeit- und Kostendruck belasten das Personal – speziell in den Notaufnahmen. „Die Gesetzgeber und die Kostenträger erwarten von uns ein hocheffizientes System“, erklärt der Mediziner. „Schwarzwaldklinik-Romantik gibt es bei uns nicht“, stellt er klar.

Um Ärzte und Pflegepersonal vor verbalen und körperlichen Übergriffen besser zu schützen, plant die Bundesregierung nun schärfere Gesetze. Ob die alltäglichen Probleme damit zu lösen sind, bezweifeln Dr. Roth und seine Kolleginnen. „Neue Gesetze müssen auch durchgesetzt werden und juristische Konsequenzen haben“, gibt er zu bedenken. Am Klinikum setze man daher lieber auf Transparenz, um die Abläufe zu erklären und nachvollziehbar zu machen. „Wir müssen aus der Opferrolle herauskommen, denn wir sind hier ein Hochleistungsbetrieb.“ Die personelle Ausstattung der Notaufnahme am Klinikum in Bad Hersfeld entspreche dem Standard und sei absolut angemessen. „Aber natürlich gibt es Ausnahmen, etwa bei Wintereinbrüchen, Grippewellen oder Unfällen, wenn unvorhergesehen besonders viele Patienten kommen“, räumen Dr. Roth und Nicole Jonik ein. Dann dauere es auch mal länger.

Obwohl die Mehrheit der Patienten die Arbeit des Klinikums würdige und sich sogar dafür bedanke, sei die „Stimmlage der Unzufriedenen lauter geworden: Viele meinen, je dreister sie sind, desto schneller werden sie behandelt“, räumt Chefarzt Roth ein. Doch dem dürfe kein Gehör geschenkt werden. „Denn der stille, höfliche Patient darf nicht hinten runterfallen.“Quelle: HZ v. 29.01.2026, Fotou.Text KAI A. STRUTHOFF"